Die Geschichte der Maultrommel international

Um die letzte Jahrhundertwende dachten noch viele Menschen in Österreich, dass die Maultrommel ein nicht ganz ernst zu nehmendes Instrument aus dem Bereich Österreich, Bayern, Norditalien sei. Einige wussten noch, dass sie in Molln produziert wird. Auch andere Ethnien und Volkskulturen wie die Ainu in Japan, Filipinos auf philippinischen Inseln, Ethnien in Südchina, die Jakuten in Russland, Sizilianer in Italien, Volksmusiker in Süd-Norwegen und viele mehr dachten ähnlich, dass nämlich dieses Instrument nur bei ihnen produziert und gespielt werde. 

Mit der Globalisierung und den Reisen von immer mehr Menschen in entlegene Gebiete wurde das Wissen über die Verbreitung der Maultrommel immer besser und man begann sich zu fragen, ob die Maultrommel wohl einen einzigen Ursprung habe und von dort aus sich in die Welt verbreitet habe oder ob dieses meistens doch relativ einfach gebaute Instrument an vielen Orten zu verschiedenen Zeiten “erfunden” wurde. Immerhin konnte man schon vor der Herstellung und Bearbeitung von Metallen Objekte aus Materialien wie Knochen, Elfenbein, Gras, Bambus, oder Holz am Mund anlegen und durch Variieren beim Zupfen, Atmen und Änderungen des Mundresonanzraums Töne produzieren – eines der einfachsten Instrumente. Wahrscheinlich stimmt beides: die Rahmen-Maultrommeln organischen Ursprungs sind die ältesten und haben höchstwahrscheinlich ihren Ursprung in der Region Nordchina-Mongolei. In den pazifischen Kulturen Südostasiens werden bis zum heutigen Tag Maultrommeln aus Bambus und Holz produziert und gespielt. Die Bügel-Maultrommeln aus Metall hingegen haben mit großer Wahrscheinlichkeit ihren Ursprung in Vorderasien und verbreiteten sich von dort aus über die Turkvölker nach Russland, Europa und den Amerikas.

Unten angeführte Karten bieten eine anregende Lektüre zur weltweiten Verbreitung der Maultrommel.

Die Karten und Informationen entstammen dem Artikel „Aleksey Nikolsky, Eduard Alekseyev, Ivan Alekseev und Varvara Dyakonova, The Overlooked Tradition of “Personal Music” and „Its Place in the Evolution of Music”. Frontiers in Psychology Vol. 10, Article 3051, 2020.

Weltweite geografische Verteilung archäologischer Funde von Maultrommeln, datiert vor dem 14. Jh., sowie von Artefakten, die Gesichter mit „vokalen Artikulationen“ zeigen, datiert auf ca. 3000–100 v. Chr. (Abb. nach Nikolsky et al. 2020).
 

Weltweite geografische Verteilung archäologischer Funde von Maultrommeln, datiert vor dem 14. Jh.


Die frühesten von Archäologen gefundenen Maultrommeln. Natürlich wurden auch in den letzten Jahren laufend Maultrommeln gefunden. Wir werden an dieser Stelle regelmäßig über aktuelle Funde informieren(Abb. nach Nikolsky et al. 2020).

Die frühesten von Archäologen gefundenen Maultrommeln


Weltweite Verbreitung der Maultrommel, hergestellt aus organischen und metallischen Materialien vor der Industriezeit.
Diese Karte kombiniert archäologische und ethnografische Daten zur lokalen Produktion und Benutzung der Maultrommel weltweit, ohne den internationalen Massenhandel von Maultrommeln aus Europa, um die Verbreitungsrouten metallischer und nichtmetallischer indigener Maultrommel-Traditionen zu ermitteln. 
Gelb kennzeichnet jene Länder, in denen Maultrommeln von der lokalen Bevölkerung produziert und benützt wurden. Solche Länder wurden auf Grundlage der Verbindung von Ergebnissen linguistischer Forschung mit dem Vorhandensein von einheimischen Wörtern für die Maultrommel in den lokalen Sprachen ausgewählt (nach Nikolsky et al. 2020).

Weltweite Verbreitung der Maultrommel, hergestellt aus organischen und metallischen Materialien vor der Industriezeit.

Historische Verbreitung der Kupfermetallurgie in Eurasien. 
Diese Karte zeigt die Standorte der frühesten regionalen Zentren für das Schmelzen von Kupfererzen – gemäß den verfügbaren archäologischen Untersuchungen zur frühesten Metallurgie. Die Routen und die Zeitachse ihrer Verbreitung deuten auf die Verbreitung metallischer Maultrommeln hin, zusammen mit der neuen homophonen Tradition der Maultrommel-Musik (Karte nach Nikolsky et al. 2020). 

Historische Verbreitung der Kupfermetallurgie in Eurasien.

Folgende Publikationen sind erhältlich über die Internationale Maultrommelgesellschaft: Vierundzwanzigsteljahrsschrift der Internationalen Maultrommelvirtuosengenossenschaft (VIM), herausgegeben von Fred Crane, Iowa, USA

  • VIM 01: 1982, 96 p.
  • VIM 02: 1985, 123 p.
  • VIM 03: 1987, 115 p.
  • VIM 04: 1994, 161 p.
  • VIM 05: 1996, 161 p.
  • VIM 06: 1997, 157 p.
  • VIM 07: 1998, 79 p.
  • VIM 08: 1999, 127 p.
  • VIM 09: 2000, 84 p.
  • VIM 10: 2002, 105 p.
  • VIM 11: 2003, 116 p.

VIM’s Nachfolge-Publikation ist das “Journal of the International Jew’s Harp Society”.

  • IJHS Journal 1, 2004, 100 p., hg Fred Crane
  • IJHS Journal 2, 2004, 104 p., hg Fred Crane
  • IJHS Journal 3, 2005, 69 p., hg Fred Crane
  • IJHS Journal 4, 2007, 105 p., hg Fred Crane
  • IJHS Journal 5, 2011, 55 p., hg John und Michael Wright
  • IJHS Journal 6, 2016, 100 p., hg Michael Wright und Harm Linsen 
  • IJHS Journal 7, 2022, 113 p., hg Michael Wright und Harm Linsen
  • IJHS Journal 8, 2025, 88 p., hg Harm Linsen und Alessandro Zolt

Fred Crane, A History of the Trump in Pictures: Europe and America. Mount Pleasant, Iowa. A special supplement to VIM, 2003

Die Internationale Maultrommelgesellschaft IJHS publiziert seit 2003 einen Newsletter. Diese Publikation ist im Gegensatz zu VIM und Journal nicht wissenschaftlich orientiert, sondern sie bietet aktuelle Neuigkeiten aus der Welt der Maultrommel. Zwischen 2005 und 2012 war Michael Wright der Herausgeber. Seit 2023 heißt dieser Newsletter BOING und wird herausgegeben von Áron Szilágyi (Generalsekretär der IJHS, Maultrommelmusiker und –schmied in Kecskemet, Ungarn). 

IJHS Newsletter 01, 2003
IJHS Newsletter 02, 2004
IJHS Newsletter 03, 2005
IJHS Newsletter 04, 2006
IJHS Newsletter 05, 2007
IJHS Newsletter 06, 2007
IJHS Newsletter 07, 2008
IJHS Newsletter 08, 2008
IJHS Newsletter 09, 2009
IJHS Newsletter 10, 2009
IJHS Newsletter 10, 2009, suppl.
IJHS Newsletter 11, 2010
IJHS Newsletter 12, 2011
IJHS Newsletter 13, 2012
IJHS Newsletter 14, 2012
BOING 01, 2023
BOING 02, 2023
BOING 03, 2024
BOING 04, 2025
BOING 05, 2026

Gjermund Kolltveit, Jew’s Harps in European Archaeology. BAR International Series 1500 (Oxford 2016). DOI: https://doi.org/10.30861/9781841719313

Gjermund Kolltveit, Jew´s Harps of Bone, Wood and Metal. How to Understand Construction, Classification and Chronology. In: R. Eichmann, L.-CHr. Koch, F. Jianjun (Hrsg.), Studien zur Musikarchäologie X: Klang – Objekt – Kultur – Geschichte. (Rahden/Westf. 2016) 63-73. J-Harps-of-Bone-Wood-and-Metal.Kolltveit-2016.pdf

Alberto Lovatto & Alessandro Zolt, La Ribeba in Valsesia nella storia europea dello scacciapensieri, Alia Musica 24, Libreria Musicale Italiana (Lucca 2019).

Deirdre Morgen, Speaking in tongues: Music, Identity, and Representation in Jew´s Harp Communitiers. PhD-Thesis, SOAS, University of London (London 2016).

Aleksey Nikolsky, Eduard Alekseyev, Ivan Alekseev und Varvara Dyakonova, The Overlooked Tradition of “Personal Music” and Its Place in the Evolution of Music”. Frontiers in Psychology Vol. 10, Article 3051, 2020. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.03051

Aleksey Nikolsky, “Talking Jew’s Harp” and Its Relation to Vowel Harmony as a Paradigm of Formative Influence of Music on Language. In: Masataka, N. (eds.), The Origins of Language Revisited (Singapore 2020). https://doi.org/10.1007/978-981-15-4250-3_8 

Luca Recupero, On the Jew’s Harp in Sicily: A First Contribution. Etnografie Sonore / Sound Ethnographies, II/1, 2019, 89-139. (https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.soundethnographies.it/wp-content/uploads/2020/04/II_1-2019_Recupero_pag-89.pdf&ved=2ahUKEwjChuLKz7mUAxWWgf0HHUn1OxgQFnoECBYQAQ&usg=AOvVaw2BIcc4EXiHa_0HkeWPjyLg)

Ada Salvato, La tromma di li zingari. Un’indagine sulla produzione campana di scacciapensieri ad opera di zingari ferrai. Tesi di laurea, Universitá di Bologna (Bologna 2020).

Geneviève Dourdon-Taurelle & John Wright. Les Guimbardes du Musée de l’Homme.: Institut d’ethnologie (Paris 1978).

Michael Wright, The Search for the Origins of the Jew’s Harp. The Silk Road 2, No 4, 2004, 49-55.

Michael Wright, The Jews-Harp in Britain and Ireland. SOAS Musicology Series (Ashgate 2015).

Wolfgang Braun, Auf Spurensuche: Die Maultrommel. Kulturheimat 10.03.2026: https://www.kulturheimat.de/auf-spurensuche-die-maultrommel/ (abgerufen am 15.05.2026)

Institut für Musikforschung der Universität Würzburg: https://www.musikwissenschaft.uni-wuerzburg.de/musikinstrumente/bestand/inventarliste/r1-2-lo3-7-w3-7-maultrommeln/